Geschichte

Anlässlich des 75-jährigen Jubiläums der Frauenzentrale Appenzell Ausserrhoden wurde der geschichtliche Rückblick vergnüglich und leicht lesbar von der Autorin Jolanda Spirig im Buch «von Bubenhosen und Bildungsgutscheinen» dokumentiert. Sie können das Buch beim Appenzeller Verlag erwerben.

Anfang und Gründung

Der Ursprung zur Gründung der Frauenzentrale Appenzell Ausserrhoden liegt in der 1. Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1928 in Bern. Appenzell Ausserrhoden beteiligte sich daran, unter der Leitung von Clara Nef. Der erwirtschaftete Gewinn aus der SAFFA floss in die Kantone zurück und wurde in Ausserrhoden zur Gründung eines kantonalen Frauendachverbandes freigeben.
Im Jahre 1929 gründete Clara Nef aus Herisau die Ausserrhodische Frauenzentrale.

Bubenhosen gegen Arbeitslosigkeit

Der Frauendachverband wurde sozial aktiv. Die Arbeitslosigkeit war in den 30iger Jahren gross. Die Regierung beauftragte die Frauenzentrale, die Nachfrage nach bezahlter Heimarbeit in den Gemeinden zu klären. An Umsicht und Anstrengungen fehlte es der Frauenzentrale nicht. Clara Nef hatte die zündende Idee und zog den Bubenhosenhandel auf. Frauen, deren Männer arbeitslos waren, bekamen Stoff und nähten zu Hause Bubenhosen, die weit über die Kantonsgrenze hinaus verkauft werden konnten. Das gab vielen Frauen den Verdienst und bewahrte sie vor der Fürsorge. Die Bubenhosenaktion brachte nachhaltigen Erfolg und wurde zum Aushängeschild der Frauenzentrale.

Während den Kriegsjahren und weit darüber hinaus war die Frauenzentrale stets karitativ und sozial engagiert. 1938 wurde die Altersweihnachtswoche ins Leben gerufen. Alleinstehende Frauen und Männer aus prekären Verhältnissen konnten die Woche zwischen Weihnachten und Neujahr im Sonnenblick Walzenhausen verbringen. Eine Institution, die sich während 60 Jahren halten konnte. Für Kinder bis zu zwei Jahren eröffnete auf Initiative von Clara Nef die Frauenzentrale 1951 das erste Säuglingsheim des Kantons. Es bot Platz für hauptsächlich Fürsorgekinder aus ausserehelichen und zerrütteten Familienverhältnissen, aber auch Kinder, deren Eltern beide erwerbstätig waren. Das Heim leistete gute Dienste bis 1963.

Militärsocken für Haushaltsgeld
Das Militärsockenprojekt war von 1939 bis 1994 eine weitere bedeutungsvolle Aufgabe der Frauenzentrale. Man bemühte sich, vom Bund einen Auftrag zu erhalten, der wiederum in Heimarbeit hergestellt werden konnte. Frauen, speziell im Hinterland bekamen von der Militärversicherung Wolle und strickten Militärsocken, die von den Wehrmännern für wenig Geld gekauft werden konnten. Das Strickgeld war für die Frauen eine oft dringend gebrauchte Ergänzung zum Haushaltsgeld.

Führungswechsel
Nach 35 Amtsjahren zog sich die 79-jährige Clara Nef von der Frauenzentrale zurück. Für ihr Lebenswerk als Förderin verschiedener sozialer Werke und Gründerin der Frauenzentrale wurde sie im Jahre 2004 mit dem «Clara-Nef-Weg» in Herisau geehrt. An ihre Stelle trat Margrit Irniger, welche aber infolge eines Wohnortwechsel bereits nach zwei Jahren wieder zurücktrat. Abgelöst wurde sie von Hilda Schiess, die während den folgenden 25 Jahren die Zentrale führte.

Der lange Weg zum Frauenstimmrecht

Während der Präsidialzeit von Hilda Schiess sind die sozialen Aufgaben der Frauenzentrale aufrecht erhalten geblieben. Sie richtete einen Beratungsdienst für Ausländerinnen ein und einen Hilfsfonds für alleinerziehende Mütter. Die Frauenzentrale sammelte für den Neubau der Heilpädagogischen Schule, backte Guetzli für die Flüchtlinge und betreute den Kinderhort an der Glaner Landsgemeinde.
Zunehmend standen aber auch die gesellschaftlichen und politischen Fragen, sowie Konsumentenfragen im Mittelpunkt und die Arbeit der Frauenzentrale bestand darin, Frauen über alle Interessengruppen hinweg für gewisse Anliegen zu sensibilisieren. So war die Frauenzentrale am Aufbau der Ostschweizer Beratungsstelle Haushalt-Konsum-Umwelt mitbeteiligt und seit den 70iger Jahren liegen Stellungnahmen zur Bekämpfung des Alkohols, zu Gleichstellungsinitiativen und zur Dienstpflicht von Frauen vor. Auch die Konsumentenpolitik, das Gesetz über den unlauteren Wettbewerb, Tempo 50 innerorts, die Fristenlösung, kantonale Schulfragen, Hauspflege und Heimaufsicht haben die Frauenzentrale beschäftigt.
Die grösste Herausforderung war in Hilda Schiess Amtszeit die Bemühungen um das Frauenstimmrecht. Obwohl die Landsgemeinde für den Frauendachverband heilig war und das Frauenstimmrecht tabu, engagierte sie sich persönlich dafür und schaffte sich dabei innerhalb und ausserhalb der Zentrale nicht nur Freundinnen. Mit der Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts 1989 war für die Präsidentin ein wichtiges Ziel erreicht. Sie gab darauf ihren Rücktritt bekannt.

Politik statt Militärsocken

Ulrike Naef-Stückelberger trat 1992 somit als 4. Präsidentin der Frauenzentrale die Arbeit an, als kurz zuvor die politische Gleichstellung der Frauen – zumindest formal – errungen war. In den folgenden 90iger Jahren hatte sich die Frauenzentrale stark gewandelt. Verschiedene langjährige, meist karitative Projekte, die über Jahrzehnte eine wichtige Aufgabe erfüllten, fanden ihren Abschluss. Sie entsprachen nicht mehr den Bedürfnissen von Ausserrhoder Frauen. Es wurden neue Akzente gesetzt, die stark in das politische Leben des Kantons einflossen. Die Modernisierung der Organisation, das neue politische Profil war «an der Zeit». Durch die Organisation von öffentlichen Podien, Einsitz in kantonalen Kommissionen und die Teilnahme an Vernehmlassungen wurde die Frauenzentrale eine ernst zunehmende Mitspielerin im politischen Leben. Zur Förderung des Frauenanteils in Kommissionen und Behörden hat die Zentrale in Zusammenarbeit mit dem kantonalen Gleichstellungsbüro einen Leitfaden «frauenPlus AR» für Parteien sowie ein Mentoring-Projekt entwickelt. Zwecks Vernetzung und Bedürfnis nach Austausch wurde 1995 das Gemeinde- und Kantonsrätinnen-Treffen ins Leben gerufen.
Ein bedeutender Aufgabenbereich der Frauenzentrale wurde das Weiterbildungsangebot, das mit dem Gesundheitstag und mit dem Projekt Bonus 2000 (Bildungsgutscheine zur Weiterbildung) Glanzpunkte erreicht hatte. 1996 hatte der Schreibdienst der Frauenzentrale seine Tätigkeit aufgenommen. Eine vielgeschätzte Dienstleistung, die beim Schriftverkehr Unterstützung und Entlastung anbot.
Aus Anlass des 75-jährigen Jubiläums im Jahre 2004 realisierte die Frauenzentrale in Partnerschaft mit der Ausserrhodischen Kulturstiftung die viel beachtete Kunstausstellung Appenzeller Frauenaufzug.

Viel erreicht, aber noch lange nicht am Ziel

Die anhaltenden Veränderungen in der Gesellschaft, gerade auch was die Stellung der Frau betraf, waren Zeichen dafür, dass das Wirken der Frauenorganisation und Frauenbewegung nachhaltig Spuren hinterlassen hatte. Als Marie-Theres Biasotto im Jahre 2008 das Präsidium der Frauenzentrale nach 16jähriger Amtszeit von Ulrike Naef übernahm, war die Gleichstellung weit fortgeschritten aber noch nicht am Ziel. So war fortan die Aufgabe der Frauenzentrale, das Erbe wofür Generationen von Frauen gekämpft hatten, zu erhalten und die Hindernisse bei der Realisierung der tatsächlichen Gleichstellung von Frau und Mann Schritt für Schritt abzubauen. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, hat sich die Frauenzentrale zunehmend kantonal, regional und überregional mit Interessenverbänden vernetzt.
Geblieben ist über die Jahrzehnte das vielfältige Weiterbildungsangebot der Frauenzentrale. Das gesellschaftspolitische Engagement für die Chancengleichheit von Mann und Frau akzentuierte sich in den Bereichen Frau und Familie (partnerschaftliche Aufteilung von Haus- und Familienarbeit), Frau und Beruf (Vereinbarkeit von Familie und Beruf) sowie Frau und Politik.
Um der gleichberechtigte Teilhabe an der politischen Vertretung und an Kaderpositionen näher zu kommen, lancierte die Frauenzentrale ab 2010 den Weiterbildungskurs «Fit für öffentliche Arbeit und Politik» und machte die «Geschlechterquote» zum Thema. Der Lohn(un)gleichheit nimmt sich die Frauenzentrale am Equal pay day mittels Sensibilisierungsarbeit und anbieten von Lohngesprächskursen an.

Im Jahre 2012 unterzeichnete die Frauenzentrale mit dem Kanton Appenzell Ausserrhoden eine Leistungsvereinbarung. Ein weiteres wichtiges Ziel war erreicht. Die inzwischen professionelle Non-Profit-Organisation baute daraufhin eine Geschäftsstelle auf und Marie-Theres Biasotto gab 2014 ihr Amt an die Co-Präsidentinnen Ariane Brunner und Barbara Zeller weiter.

Durch das stets ehrenamtliche Engagement der bald 90jährigen Frauenzentrale wurde viel erreicht. Um dem heutigen Ziel – eine Gesellschaft, in welcher Frauen und Männer dieselben Wege und Wahlmöglichkeiten, ihr Leben zu gestalten, offenstehen – immer näher zu kommen, bleibt die Frauenzentrale weiter dran.

Ariane Brunner wird 2017 zur Präsidentin gewählt.